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Auf der Ocean Viking

Ein halbes Jahr nachdem ich mit dem Fahrrad nach Italien aufgebrochen bin, habe ich es geschafft. Endlich komme ich auf Sizilien an und kann die Ocean Viking besuchen. Nicht mit dem Fahrrad, nein - dieser Traum ist mit dem Sturz in den Apenninen und dem daraus folgenden Mittelhandbruch geplatzt. Doch ist meine Überwinterung mit Van nicht der schlechteste Trostpreis. Insbesondere, unter diesen Bedingungen.

Es ist das erste mal, dass ich hautnah erlebe, welchen Einfluss unsere Spendenaktionen haben. Und ich bin über alle Maßen dankbar dafür. Der nachfolgende Text spiegelt meine Eindrücke wider, die ich auf der Ocean Viking sammeln durfte - dem zivilen Seenotrettungsschiff von SOS Mediterranee.

Dabei geht es mir nicht nur darum, die einzigartige Atmosphäre von Crew und Schiff einzufangen. Stattdessen möchte ich die Gelegenheit auch nutzen, von einigen Tatsachen zu berichten, die Menschen auf der Flucht widerfahren. Darunter die menschenverachtenden Hürden verstörender Taten, mit denen Flüchtende gezielt davon abgehalten werden sollen, sich auf den Weg zu machen.

Wer davon nichts lesen möchte, der sollte diesen Text überspringen.

 

Ich stehe an der Kaimauer, eines sizilianischen Hafenbeckens und blicke auf roten Rumpf. Mindestens zehn Meter ragt er vor mir aus dem Wasser – “Rescue Zone” steht in fetten weißen Druckbuchstaben darauf. Weiß ist auch die Brücke, die über allem thront, die Container, Rettungsfässer und der Name des fast 70 Meter langen Schiffs: 

Ocean Viking 

 

Schneidender Wind verwirbelt meine lang gewordenen Haare und die Takelage des Seenotrettungsschiffs von SOS Mediterranee. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft. 

 

Erst Gestern ist die Crew der Ocean Viking von ihrer letzten Search and Rescue Mission zurückgekehrt, nachdem sie 140 Menschen aus einer Nussschale gerettet haben, die nie ausreichend Sprit an Bord hatte, um die italienische Küste überhaupt erreichen zu können. Damit ist eine von vielen Checkboxen der Seenot erfüllt. Hektisch zusammengeschweißte Bleche, die in keinster Weise als Boot durchgehen, geschweige denn Hochseetauglich sind, erfüllen ein weiteres Kriterium, das gegeben sein muss, damit Menschen offiziell in Seenot sind.  Trotzdem werden Menschen genau auf diese Metallcontainer verfrachtet und für horrende Summen mit nichts als einem Kompass von Tunesien oder Libyen Richtung Norden geschickt.  

Über 30.000 Menschen sind so in den letzten Jahren ertrunken – nur im Mittelmeer. 

So ist es. Das schmutzige Geschäft der Schlepper. 

Und das Resultat der Festung Europa. 

 

Die Crew der Ocean Viking halten dagegen. 140 gerettete Menschenleben auf dieser Mission – tausende über die letzten Jahre. Sie handeln nach international geltendem Seerecht und werden dafür malträtiert. Die Ocean Viking für die Ausfahrt gesperrt oder nach einer Rettung in den Norden Italiens geschickt, statt die traumatisierten, kranken und verletzten Menschen im nächsten sicheren Hafen an Land bringen zu können. Politisches Kalkül: Wer weiter fährt, kann weniger retten. 

Gerade sind sie aus Ravenna zurückgekehrt. 1.500 Kilometer entfernt liegt die Stadt kurz vor Venedig. One Way.  

Vier Tage hin, vier zurück.  

Vier Tage, in denen die Flüchtenden nicht zur Ruhe kommen können. 

Acht Tage, in denen nicht gerettet werden kann.  

Und Zehntausende Euro, die diese politische Strategie den zivilen Seenot-Rettungsorganisationen für Diesel aus den Taschen frisst.  

Zeit und Geld, um die Rettung von Menschenleben zu verhindern.  

Egal welche Partei man wählt, dass dieses Kalkül zum Kotzen ist, darüber kann man nicht streiten. 

 

Trotzdem machen Claire und ihre Crew weiter. Neun Matrosen und 25 Aktivist:innen – alle ausgebildet, um einen bestmöglichen Job zu machen. Communication Director, Arzt, Hebamme und Mechaniker. Krankenschwester, Koch und Rettungsteam. Alle haben ihre Aufgaben und alle sind unerlässlich, um ihrer Mission nachzukommen. 

Ihrer lebensrettenden Mission auf dem Mittelmeer: Der Seenotrettung. 

 

Claire ist “Head of Mission” und führt mich über die Gangway auf das Hauptdeck, wo reges Treiben herrscht. Einen Tag vor Heiligabend wird die letzte Rotation, die wegen schlechtem Wetter auch die letzte des Jahres ist, nachbereitet und abgeschlossen. Schlechtes Wetter, das bedeutet sechs Meter hohe Wellen. Egal wie raffgierig die Schlepper und wie verzweifelt die flüchtenden Menschen sind – bei diesen Bedingungen verlässt kein Boot die afrikanischen Küsten.  

Salzverkrustete Rettungswesten werden gewaschen, es wird an einer Stahlkonstruktion geflext und medizinisches Equipment inventarisiert. Gerade hält die Hebamme einen Babystrampler hoch und legt ihn in die Kiste zu den anderen. Kinder sind oft mit dabei. Auch Geburten haben sie regelmäßig an Bord. Doch wenn sie losziehen, sind die Frauen in den seltensten Fällen schwanger. Lybische Gefängnisse sagt sie und ich wende den Blick ab.  

Wieviele Millionen Euro sind nochmal von der EU für den “Grenzschutz” an Länder wie Lybien geflossen? Erinnerungen an die Erzählungen einer nigerianischen Geflüchteten und Ausschnitte des Films “Io Capitano” schießen mir durch den Kopf. Die junge afrikanische Frau hatte ich während meiner Zwangspause in Norditalien getroffen. Push Faktoren halten niemanden ab, meinte sie. Davon wisse man zu Hause sowieso nichts. Trotzdem ist es ein politisches Mittel. Die Finanzierung von Push-Faktoren und die Kooperation zum Grenzschutz nordafrikanischer Staaten. Klingt harmlos, doch die Geschichten dahinter sind es nicht.  

Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, pustet mir wieder der Wind um die Ohren und wir kommen aus der Krankenstation aufs Hauptdeck. Die Frauenquartiere der Ocean Viking liegen vor uns. 

 

Claire erzählt mir von leeren Booten, die gekentert auf dem Meer treiben, von Pushbacks der Libyer und vom Alarm Phone. Einer Organisation bestehend aus Freiwilligen, die versucht die Seenotrettung dort zu Koordinieren, wo der italienische Staat und die EU ihrer Aufgabe nicht nachkommen. Nicht alle können auf See fahren um Menschen vor dem ertrinken zu retten. Doch Hilfe wird überall gebraucht. 

 

Sie erzählt mir von der Stimmung nach einer Rettung, von der Rolle von Frontex und der überraschend guten Arbeit, die die italienische Küstenwache demgegenüber und trotz des politischen Willens genau das zu verhindern selbst leistet. Von Bangladeschies, die mit falschen Versprechen von guten Löhnen in die moderne libysche Sklaverei gelockt werden, und eine erhebliche Zahl der geretteten Menschen ausmachen. Davon, wie wesentlich mehr von ihnen auf die Ocean Viking passen, als Westafrikaner:innen, einfach wegen des Größenunterschieds. 

Wir laufen weiter aufs Oberdeck, wo bei besonders großen Rettungsaktionen noch Zelte aufgebaut werden können, um weitere Menschen unterzubringen. Dass es dann kalt werden kann und sie bei besonders schlechten Bedingungen die Sondergenehmigung erhalten können einen Hafen auf Sizilien anzulaufen. Doch das ist selten der Fall. 

Wir laufen an dem RIB vorbei, das gerade neu gekauft wurde. Das Geld unserer Spendenaktion wurde dafür genutzt. Es ist das beste Schnellboot, das sie für den unmittelbaren Kontakt mit den Flüchtlingbooten haben – “Taylor Made” mit flacheren Schläuchen und größerer Fläche. Egal ob Stahlkisten, Holzschalen, Gummiboote oder Fiberglas: immer sind die Boote überladen, auf denen sie die Menschen aufgabeln. Immer haben sie zu wenig Sprit, nie eine vernünftige Navigation und selbstverständlich erst recht keine Crew.  

Ich höre zu, bin wie gebannt und versuche alles aufzunehmen, während ich mich unter stählernen Kranarmen hinwegducke, um Claire über die faszinierende Architektur des Schiffes zu folgen. Doch unweigerlich schweift mein Blick immer wieder ab, wenn wir wieder an einer weißen Stahlwand voll handgemalter Zebras, Wale, Büffel und Bäume vorbeilaufen oder ich mich in der unverhofften Schönheit Hunderter im Wind flatternder Schwimmwestenbänder verliere.  

Orange über Blau, wie das RIB auf dem Meer 

 

Schließlich kommen wir auf der Brücke an. Einst war die Ocean Viking ein Schiff zu Evakuierung von Ölplattformen. Es rettete also schon damals Menschen, die vor den Gefahren von Ausbeutung flohen – fossiler Rohstoffausbeutung zwar, doch scheint sich in dieser Hinsicht garnicht so viel verändert zu haben. Große Wasserwerfer auf dem Dach der Brücke zeugen noch vom alten Zweck. Stehen unter Planen versteckt und sehen aus wie Geschütze auf der Wache. An ihnen vorbei blicke ich über das Deck und frage mich, wie es wohl ist, wenn 400 Menschen hierauf Platz finden müssen. Welche Anspannung dann herrscht. Und ob die Menschen begreifen können, aus welchem Grund sie nun noch vier Tage die Küste hinaufschippern müssen, statt endlich an Land gehen zu dürfen.  

 

Zwischen zahllosen Hebeln, Schaltern, Steuerungsarmaturen und Kontrollelementen kann ich dann noch einen Blick auf die Seekarten werfen. Darauf eingezeichnet die Route, die die letzte Mission abbildet. Darauf die vier Spots an denen nach Menschen in Seenot gesucht wurde – nicht einfach so, sondern weil es Rettungsmeldungen gab.  

An nur einem davon, wurde die Crew fündig.. 

 

Als ich gehe wird ein Gruppenfoto gemacht. Nicht meinetwegen, sondern weil das ohnehin ansteht. Weihnachten halt... Doch dann werde ich doch noch dazu geholt. Ziemlich bescheuert fühle ich mich da. Ist doch total vermessen hier zu stehen, auf einem Bild mit den Menschen, die alles geben, um wirklich einen Unterschied zu machen… wo ich nur Rad gefahren bin. Reisen war, was ich ohnehin liebe und dabei halt 7.000€ gesammelt habe… ein Tropfen auf den heißen Stein?! 

 

Da ist das Foto schon gemacht und ein blonder Franzose kommt auf mich zu: „Thanks for what you did!“ - voll aufrichtiger Dankbarkeit strahlt er mich an und lädt mich unmittelbar zur Schiffsinternen Weihnachtsfeier ein. Morgen, Heiligabend ab 17 Uhr.

 

„We are Glad to be here and we couldnt do it  without people like you“, hallen mir Claires letzte Worte durch den Kopf, als ich mit hochgeschlagenem Kragen den Hafenbereich wieder verlasse. 

Im magischen Schein einer sich dem Horizont nähernden Sonne liegt das große Schiff nun golden da.  

 

Es ginge nicht, ohne Menschen wie euch… 

Und das macht mich dann doch etwas stolz, diese Würdigung an euch weitergeben zu dürfen. 

 

Denn Spenden sind die Rettungsleine zum Rettungsring. 

Danke für jede einzelne.  

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